Der Thüringer Wald ist der Kamm — das lang gezogene Mittelgebirge, über dessen Höhenrücken der Rennsteig läuft und an dessen Flanken sich enge Kurvenstraßen zu Tälern und Talsperren hinabwinden. Vom breiteren Bundesland Thüringen mit Kyffhäuser, Weimar und Saaletal hebt sich dieses Revier klar ab: Hier zählen Höhe, Wald und Schräglage. Was die einzelnen Ecken für Motorradfahrer ausmacht, steht hier.
Der Rennsteig-Kamm – die große Achse
Über den Höhenrücken zieht der Rennsteig, mit rund 170 Kilometern von Hörschel an der Werra bis Blankenstein an der Saale einer der bekanntesten Kammwege Deutschlands — ein Wanderweg, im Winter zugleich als Rennsteig-Skiwanderweg gespurt. Fahren lässt sich der Kamm nicht auf dem Steig selbst, sondern auf der parallel verlaufenden Kammstraße: Die Etappe von Masserberg nach Oberhof reiht enge Radien und lange Waldpassagen aneinander und gilt Kennern als eine der besten des Gebirges. Oberhof ist der Wintersportort auf der Höhe, bekannt für Biathlon und Rodelbahn, im Sommer der Ausgangspunkt für die Kammrunden. Direkt oberhalb liegt der Rennsteiggarten, einer der größten Gebirgspflanzengärten Deutschlands und ein kurzer, lohnender Stopp zwischen zwei Etappen.
Inselsberg und Brotterode – die Nordwestecke
Am nordwestlichen Kamm ragt der Große Inselsberg mit rund 916 Metern als weithin sichtbarer Eckpfeiler auf; eine Stichstraße führt bis knapp unter den Gipfel, der Rundblick reicht bei klarer Sicht weit ins Vorland. Zu Füßen des Bergs liegt Brotterode, ein weiterer Wintersportort mit Skisprungschanze. Wenige Kilometer westlich stürzt bei Trusetal der mehrstufige Trusetaler Wasserfall durch den Ort — ein kurzer Fußweg vom Parkplatz und ein guter Grund für die Pause auf der Runde zwischen Schmalkalden und dem Inselsberg.
Glas und Porzellan – das Handwerk am Südhang
Der Südhang ist Handwerksland. In Lauscha wurde im 19. Jahrhundert die gläserne Christbaumkugel erfunden; die Glasbläserei prägt den Ort bis heute. Steinach lebte von Glas und Griffelindustrie, das benachbarte Sonneberg am Südrand war einst Zentrum der deutschen Spielzeugherstellung. Die Manufakturen und Museen sind das verlässliche Schlechtwetterprogramm, wenn der Kamm im Nebel liegt — was hier oben schnell passiert.
Suhl und die Talsperren – Südthüringen
Suhl, die alte Waffenstadt, ist der größte Ort am Südwestrand und ein praktischer Ausgangspunkt; von hier erschließen sich die Seitentäler, die vom Kamm herabführen. Für die Wendepunkte einer Runde sorgen die Stauseen: die Ohratalsperre im Norden bei Luisenthal, die Talsperre Schmalwasser bei Tambach-Dietharz und die große Talsperre Schönbrunn im Schleusegrund unterhalb von Schmiedefeld. Rund um Schmiedefeld am Rennsteig ziehen sich ruhige, kurvige Nebenstrecken durch dünn besiedeltes Waldland — Reviere für alle, die den Verkehr der Hauptachse meiden wollen.
Schmalkalden – Fachwerk am Westhang
Am westlichen Fuß des Gebirges liegt Schmalkalden, eine der am besten erhaltenen Fachwerkstädte der Region: enge Gassen, ein geschlossener Marktplatz und darüber die Renaissance-Wilhelmsburg. Historisch gab der Ort dem Schmalkaldischen Bund den Namen. Für Fahrer ist Schmalkalden Dreh- und Angelpunkt zwischen Inselsberg, Trusetal und den Kammstraßen nach Oberhof — kompakt, gut erreichbar und mit Substanz für den Zwischenstopp.
Meiningen und das Werratal – das südwestliche Tor
Nach Südwesten fällt der Kamm zum Werratal ab. Meiningen, alte Residenzstadt und für sein Theater weit über die Region hinaus bekannt, ist hier der Anschluss ins Tal — flacher und schneller, mit weiten Blicken statt enger Radien. Wer den Kamm von der Südseite anfährt oder eine zügige Rückfahrt sucht, nimmt das Werratal als Verbindungsachse.
Wartburg und Eisenach – das westliche Ende
Am Westende läuft der Thüringer Wald bei Eisenach aus, überragt von der Wartburg. Auf ihr übersetzte Martin Luther 1521/22 das Neue Testament ins Deutsche; seit 1999 ist die Burg UNESCO-Welterbe und der bekannteste Kulturstopp der Region. Von Eisenach aus lässt sich der Kamm in ganzer Länge nach Südosten abfahren — der Startpunkt des Rennsteigs liegt gleich nebenan bei Hörschel.
Anschluss – Rhön, Frankenwald und Schiefergebirge
Der Thüringer Wald steht nicht allein. Nach Westen, jenseits des Werratals, liegt die Rhön, nach Südosten geht der Kamm nahtlos ins Thüringer Schiefergebirge über, wo der Rennsteig weiterläuft und an das südlich der Frankenwald anschließt. Wer mehr als eine Tagesrunde plant, hängt einen dieser Nachbarn an — auf engem Raum liegen hier gleich mehrere Mittelgebirge nebeneinander, Stoff für mehrere Touren.