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Thüringer Wald

Natur im Thüringer Wald

Wald, Wasser und Tierwelt — was sich gerade verändert und wo man es sieht.

Natur

B19, L3247 und Fahrverbote: die Achsen im Thüringer Wald

Der Thüringer Wald ist ein echtes Mittelgebirge, kein sanftes Hügelland. Wer hier fährt, bewegt sich auf einem schmalen Kamm zwischen Eisenach im Nordwesten und dem Thüringer Schiefergebirge im Südosten, durchzogen vom Rennsteig, dem berühmten Höhenweg. Für Motorradfahrer heißt das: viel Höhenmeter, enge Kurvenfolgen, schnelle Wetterwechsel und Straßen, denen der Winterdienst jedes Jahr zusetzt. Die folgenden Abschnitte nennen die Achsen, die Sperrungen und die typischen Schwachstellen im Belag.

Die wichtigste Achse im Westen ist die B19. Sie verbindet auf rund 52 Kilometern Eisenach mit Meiningen und führt direkt an der Wartburg vorbei in den Naturpark hinein. Ein Teilstück zwischen Barchfeld und Niederschmalkalden nutzt die Trasse der nie fertiggestellten Reichsautobahn „Strecke 85" und ist dadurch kreuzungsfrei und zügig ausgebaut. Parallel zur B19 verläuft südlich von Eisenach die berühmte Drachenschlucht — ein Hinweis darauf, wie nah Straße und Schluchtgelände hier beieinanderliegen.

Die B88 startet ebenfalls in Eisenach und trägt auf ihrem ersten Abschnitt nach Ilmenau den Beinamen „Waldsaumstraße", weil sie genau auf der Grenze zwischen Gebirge und Vorland verläuft — über Wutha-Farnroda, Bad Tabarz, Friedrichroda und Ohrdruf. Sie ist die klassische Verbindung am Nordrand des Waldes. Die B247 kommt aus dem flacheren Norden über Bad Langensalza und Gotha (Anschluss an die A4) nach Ohrdruf. Wichtig zu wissen: Der frühere B247-Abschnitt über den Kamm bei Oberhof Richtung Suhl und Schleusingen wurde nach Eröffnung der A71 im Jahr 2007 zur Landesstraße L3247 herabgestuft. Genau dieser kurvige, steile und teils dreispurig ausgebaute Abschnitt zwischen Zella-Mehlis und Oberhof ist eine der beliebtesten Motorradstrecken der Region. Die B62 schließlich verläuft aus Hessen kommend über Bad Salzungen und Barchfeld nach Zella-Mehlis und trifft bei Barchfeld auf die B19.

Rund um Oberhof spielt sich vieles auf der L3247 und den abzweigenden Landstraßen ab. Oberhof selbst liegt auf einer Hochfläche bei rund 815 Metern über dem Meer, mittendrin im Hauptkamm. Von hier zweigt am sogenannten Rondell — dem Punkt, an dem die alte Kammstraße den Rennsteig kreuzt — die L1129 ab. Sie führt entlang des Rennsteigs hinauf zur Schmücke, deren Passhöhe das Schild mit 942 Metern ausweist. Die nordöstliche Auffahrt über Gehlberg gewinnt auf kurzer Distanz rasch an Höhe. Der Große Inselsberg mit 916 Metern ist über eine Stichstraße erreichbar, die von der L1024 zwischen Brotterode und Bad Tabarz abzweigt.

Ein für Motorradfahrer wichtiger Punkt: Im Thüringer Wald gibt es streckenbezogene Fahrverbote für Motorräder. Auf der L1152 zwischen Schauberg und Judenbach im Landkreis Sonneberg wurden Sperrungen an Wochenenden und Feiertagen wegen Lärmbeschwerden und auffälligem Raserverhalten verhängt. Auch auf der beliebten Strecke Zella-Mehlis–Oberhof können behördliche Sperrungen für Motorräder über Klappschilder kurzfristig aktiviert werden. Hinter solchen Anordnungen stehen Lärmbeschwerden der Anwohner und hohe Unfallzahlen; an den betroffenen Abschnitten wird entsprechend häufig kontrolliert.

Zum Streckenzustand allgemein: Der Thüringer Wald ist ein schneereiches Mittelgebirge mit ausgeprägtem Wintersportbetrieb in Oberhof. Höhenlagen wie der Rennsteig liegen viele Wochen im Jahr unter einer Schneedecke. Das bedeutet kräftige Frost-Tau-Wechsel, die dem Asphalt zusetzen — Risse, Spurrillen und ausgewaschene Ränder sind in den Hochlagen keine Seltenheit. Im Frühjahr nach dem Winterdienst ist auf den Kammstraßen mit losem Material auf der Fahrbahn zu rechnen. Wer früh in der Saison unterwegs ist, fährt in Kurven besser auf Sicht und mit Reserve.

Kultur & Sagen

Sagen des Thüringer Waldes rund um den Rennsteig

Der Thüringer Wald ist eine alte Sagenlandschaft, und die meisten Geschichten hängen an den markanten Bergen und Burgen entlang der Hauptstrecken. Was folgt, ist Überlieferung und kein Geschichtsbuch — wo ein historischer Kern belegt ist, steht er dabei.

Die Hörselberge nördlich des Hörseltals bei Eisenach galten über Jahrhunderte als Sitz von Göttern und Geistern. Mit dem sogenannten Hörselloch, einer Felsöffnung am Berg, verbindet sich ein alter Frau-Holle-Kult. Der Sage nach wurde dieser Berg später mit dem Venusberg der Tannhäuser-Sage gleichgesetzt: Dort soll Frau Venus in ihrer Grotte gehaust und christliche Ritter verführt haben. Dieser Stoff wurde zur Vorlage für Richard Wagners Oper „Tannhäuser". Höhlen am Großen Hörselberg tragen bis heute Namen wie Tannhäuserhöhle und Venushöhle. Eine Anmerkung, weil hier oft etwas durcheinandergerät: Der berühmte Frau-Holle-Teich liegt nicht im Thüringer Wald, sondern auf dem Hohen Meißner in Nordhessen — der Thüringer Aufhänger ist allein der Frau-Holle- und Venusberg-Kult am Hörselberg.

Auf der Wartburg spielt die wohl bekannteste Thüringer Legende: Der Sage nach soll Martin Luther, der hier im Winter 1521/22 als „Junker Jörg" im Exil lebte und das Neue Testament ins Deutsche übersetzte, vom Teufel gestört worden sein und das Tintenfass nach ihm geworfen haben. Ein Tintenfleck an der Wand soll zurückgeblieben sein. Historisch ist das nicht belegt — Luther selbst schwieg dazu, schriftliche Hinweise tauchen erst Generationen später auf, und der Ursprung der Geschichte liegt vermutlich gar nicht auf der Wartburg. Als Legende erzählt gehört sie aber fest zum Ort. Der historische Kern dahinter ist real: Luthers Bibelübersetzung auf der Burg, deren erste Druckausgabe im September 1522 erschien.

Quer durch das Thüringer Bergland zieht sich der Sagentyp der Venezianer oder Venedigermännchen. Der Sage nach kamen fremde, südländische Männer — auch „Walen" oder „Welsche" genannt — in die Berge, um heimlich nach Erz, Gold und seltenen Mineralien zu suchen. Weil sie eine unverständliche Sprache sprachen und sich an abgelegenen Felsen zu schaffen machten, schrieben ihnen die Einheimischen geheimnisvolle, fast zauberische Fähigkeiten zu. In Thüringen heißen sie oft „Erzmännlein". Es handelt sich um einen verbreiteten regionalen Sagentyp, nicht um eine einzelne, ortsfeste Geschichte — wer die Berge des Thüringer Waldes durchfährt, bewegt sich aber genau durch jene Felslandschaft, die solche Schatzsuchersagen einst hervorgebracht hat.

Sehenswert

Wartburg, Lauschaer Glas und Schieferpark: Stopps für Regentage im Thüringer Wald

Das Wetter schlägt am Kamm schnell um, und dann ist der Wechsel vom Sattel ins Trockene die bessere Entscheidung. Die Region hat dafür eine Reihe von Handwerks- und Geschichtsorten, die alle unter Dach liegen.

Erste Adresse ist die Wartburg bei Eisenach, seit 1999 UNESCO-Welterbe. Sie ist nicht nur Luther-Gedenkort, sondern auch ein Zentrum mittelalterlicher Hofkultur: Unter Landgraf Hermann I., gestorben 1217, versammelten sich hier Dichter wie Walther von der Vogelweide. Der vielzitierte „Sängerkrieg" auf der Wartburg ist allerdings literarische Legende und kein historisches Ereignis. Die heilige Elisabeth lebte zwischen 1211 und 1228 auf der Burg. Eine Führung füllt locker einen Regennachmittag.

Das vielleicht eigenständigste Handwerk der Region findet sich in Lauscha, dem Geburtsort des gläsernen Christbaumschmucks. Der Überlieferung nach blies hier um 1847 ein Lauschaer Glasbläser die ersten Christbaumkugeln aus buntem Glas — der Name des Erfinders ist nicht gesichert überliefert; die erste urkundliche Erwähnung stammt von 1848. Das Museum für Glaskunst Lauscha zeigt historischen Baumschmuck von den 1860er Jahren bis heute und gibt Einblick in die Glasbläserei. Wer eine laufende Werkstatt sehen will, ist hier richtig — ein klassischer überdachter Stopp.

Thüringen war über Jahrhunderte eine der wichtigsten Porzellanregionen Europas; zeitweise gab es im Land Hunderte von Manufakturen. Ein bekannter Name ist die Porzellanfabrik in Kahla, gegründet 1844 und später eine der größten des Landes. Zur korrekten Einordnung: Kahla liegt im Saaletal südlich von Jena, also am Rande, nicht mitten im Thüringer Wald — wer das Thema vertiefen will, folgt der ausgeschilderten „Thüringer Porzellanstraße".

Ein eigenes Kapitel ist der Schiefer. Im Thüringer Schiefergebirge, dem südöstlichen Anschluss an den Thüringer Wald, wurde über Jahrhunderte Dachschiefer gebrochen. Der Schieferpark Lehesten bei Saalfeld bewahrt eines der einst größten Schiefer-Tagebaugebiete Europas. Der Abbau reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück; in der Blütezeit zwischen 1870 und 1910 arbeiteten hier bis zu 2.500 Menschen, bevor 1999 Schluss war. Heute ist das Areal ein technisches Denkmal mit Führungen und geologischem Lehrpfad. Auch dieser Ort liegt streng genommen im Schiefergebirge, nicht im Wald im engeren Sinn — als Tagesziel bei Dauerregen aber gut erreichbar.

Wer mit Familie oder bei wirklich garstigem Wetter etwas Interaktives sucht: Die Explorata-Mitmachwelt in Zella-Mehlis ist ein Science-Museum mit über hundert Experimentierstationen auf mehr als 1.300 Quadratmetern — komplett indoor und ausdrücklich für Regentage gedacht. Auch das Informationszentrum des Biosphärenreservats in Schmiedefeld am Rennsteig bietet eine wettergeschützte Ausstellung zur Natur der Region.

Sehenswert

Beerberg, Rennsteig und die Talsperren: Naturstopps am Kamm

Zwischen den Kurven liegt eine zusammenhängende, hohe und stille Mittelgebirgslandschaft. Die folgenden Naturpunkte lohnen den Halt — einige davon erreicht man allerdings nur zu Fuß.

Der höchste Punkt der Region ist der Große Beerberg mit 982,9 Metern, gerundet 983 Metern — die höchste Erhebung des Thüringer Waldes und zugleich höchster Berg Thüringens. Der eigentliche Gipfel liegt im Biosphärenreservat und ist aus Naturschutzgründen gesperrt; der höchste zugängliche Punkt ist die Aussichtsplattform „Plänckners Aussicht" auf 973 Metern. Direkt benachbart, nur wenige Meter niedriger, steht der Schneekopf mit 978 Metern, der zweithöchste Berg Thüringens. Beide sind über Wander- und Mountainbikewege erschlossen, nicht mit dem Motorrad — das bleibt an einem der Kammparkplätze stehen.

Das verbindende Element der gesamten Landschaft ist der Rennsteig, ein historischer Kammweg von etwa 169 Kilometern Länge. Er führt von Hörschel an der Werra, einem Ortsteil von Eisenach, über den Thüringer Wald und das Schiefergebirge bis nach Blankenstein an der Saale. Erstmals urkundlich erwähnt wurde er 1330. Der Rennsteig ist ein Wanderweg, keine Straße — für Motorradfahrer ist er die ständige Orientierungslinie, an der sich die schönsten Begleitstrecken auf parallelen Landstraßen entlangziehen.

Zwei Talsperren setzen landschaftliche Akzente am Nordhang. Die Ohra-Talsperre bei Luisenthal im Landkreis Gotha ist eine Trinkwassertalsperre, die über 400.000 Menschen in Mittelthüringen versorgt und zugleich dem Hochwasserschutz dient; ihr Stauvolumen liegt bei rund 18 Millionen Kubikmetern. Die Talsperre Schmalwasser bei Tambach-Dietharz ist technisch bemerkenswert: Mit 76 Metern über der Talsohle besitzt sie Deutschlands höchsten Staudamm — einen Steinschüttdamm. Beide liegen in stiller Waldlage und eignen sich gut für eine ruhige Pause abseits der Hauptstrecke.

Schöne, oft ausgeschilderte Pausenplätze finden sich an den Kammparkplätzen entlang der L3247 und L1129, am Inselsberg sowie an den beiden Talsperren.

Strecke

Fünf fertige Tagesrunden für eine Woche im Thüringer Wald

Die folgenden fünf Runden decken die landschaftlich und fahrerisch lohnendsten Ecken ab. Die Kilometer- und Zeitangaben sind realistische Richtwerte für gemütliches Tourenfahren mit Stopps — wer zügiger fährt oder Pausen streicht, ist schneller. Die genannten Einkehrorte liegen alle direkt an der jeweiligen Runde.

Runde 1 — Inselsberg und Oberhof

Etwa 90 bis 110 Kilometer, rund einen halben bis ganzen Tag. Von Brotterode hinauf zum Großen Inselsberg über die Stichstraße ab der L1024, dann weiter Richtung Bad Tabarz und über die Kammstrecken nach Oberhof. Von dort über die kurvenreiche L3247 hinunter nach Zella-Mehlis, mit Abstecher nach Tambach-Dietharz und zur Schmalwasser-Talsperre. Highlight: der Aussichtsturm auf dem Inselsberg mit Fernblick bis Rhön und Harz. Einkehr: in Oberhof oder Bad Tabarz, beides gut versorgt.

Runde 2 — Rennsteig-Begleitstrecken

Etwa 100 bis 120 Kilometer, ein gut gefüllter Tag. Diese Runde folgt dem Verlauf des mittleren Rennsteigs auf den parallelen Landstraßen, die die Höhenorte verbinden: Schmiedefeld am Rennsteig, Frauenwald, Neustadt am Rennsteig, Masserberg und Neuhaus am Rennweg. Es ist die ruhigere, höhere und waldreichere Variante. Highlight: der heilklimatische Kurort Masserberg und der Blick über die Kammlandschaft. Einkehr: in Neuhaus am Rennweg, wo der Rennsteig mitten durch den Ort führt.

Runde 3 — Eisenach und Wartburg

Etwa 80 bis 100 Kilometer. Start an der Wartburg über Eisenach, dann über die B19 südwärts mit der Drachenschlucht als Wanderstopp an der Hohen Sonne. Weiter über die Kurstadt Bad Liebenstein und über die L1027 in die Bergstadt Ruhla, die mitten im Naturpark zwischen Wartburg und Inselsberg liegt. Highlight: die UNESCO-Welterbe-Burg und die enge Drachenschlucht. Einkehr: in Ruhla oder Bad Liebenstein. Hinweis: Die Verbindung läuft hier über B19 und B84 sowie Landstraßen — die B88 gehört nicht in diese Runde.

Runde 4 — Schmalkalden und Südhang

Etwa 90 bis 110 Kilometer. Ausgangspunkt ist die Fachwerkstadt Schmalkalden mit dem Renaissance-Schloss Wilhelmsburg, das zwischen 1585 und 1590 als Nebenresidenz der hessischen Landgrafen erbaut wurde. Von dort über Floh-Seligenthal Richtung Brotterode-Trusetal zum Trusetaler Wasserfall — mit 58 Metern in drei Kaskaden der höchste Wasserfall Thüringens, künstlich angelegt 1865, über 228 Stufen zugänglich und nur von April bis Oktober in Betrieb. Möglich ist ein Abstecher nach Meiningen im Süden. Highlight: Schloss Wilhelmsburg und der Wasserfall. Einkehr: in der Schmalkalder Altstadt.

Runde 5 — Ilmenau und das Goethe-Umfeld

Etwa 80 bis 100 Kilometer. Von Ilmenau hinauf zum Kickelhahn, dem 861 Meter hohen Hausberg mit Aussichtsturm und dem rekonstruierten Goethehäuschen, in dem Goethe 1780 sein „Wandrers Nachtlied" mit der berühmten Zeile „Über allen Gipfeln ist Ruh" notierte. Der Goethewanderweg nach Stützerbach ist ein Fußweg; mit dem Motorrad fährt man über die L3004 zwischen Ilmenau und Stützerbach und weiter über Gehlberg in Richtung Schmücke. Highlight: der Kickelhahn-Turm und die Goethe-Spuren. Einkehr: in Ilmenau oder Stützerbach.

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